Fantasievoll und gefühlsbetont: Kinder auf Reisen im Zahlenland

Gerhard Preiß im Interview auf der Didacta Februar 2016 in Stuttgart

Zahlen sind Freunde – das können die wenigsten Schüler von sich behaupten. Um das zu ändern, setzt das Projekt Entdeckungen im Zahlenland auf ein spielerisches Kennenlernen der Zahlenwelt – und viel Fantasie. Denn wer schon im Kindergarten mit den Einhörnern durch den Einerwald spazierte oder an der Tür der Fünf fünfmal klingelte, hat später keine Angst vor dem Matheunterricht, erklärt Zahlenland-Gründer und Mathematikdidaktiker Prof. Gerhard Preiß im Interview.

Herr Prof. Preiß, was ist Ihre Lieblingszahl?

Die Sieben. Ich empfinde sie als Glückszahl. Außerdem finde ich sie schön, denn sie ist nicht symmetrisch. Sie rückt etwas von der Symmetrie der Sechs ab, weil eins dazu kommt, und sie erreicht noch nicht die Acht, die für mich etwas ganz Stabiles ist. Die Sieben ist für mich ein Symbol der Schönheit und Lebendigkeit.

Sie betrachten Zahlen als Wesen mit Charakter. Was möchten Sie den Kindern vermitteln?

Unser Projekt soll Kinder im Vorschulalter für Zahlen begeistern. Sie sollen Freude daran haben, mit Zahlen umzugehen, Freude daran, dass sie das verstehen und immer wieder neue Dinge entdecken. Bei diesem Prozess sollte man die Kinder begleiten, ihnen einen strukturierten Lernweg anbieten – den Rest überlässt man der Initiative der Kinder, ihrem Lernwillen und ihren Fähigkeiten. Das ist das Ziel für alle Kinder unabhängig von ihrer Begabung.

Wie wecken Sie die Begeisterung der Kinder für die Zahlenwelt?

Indem wir die Kinder dazu anhalten, freundlich zu den Zahlen zu sein – denn dann sind die Zahlen auch freundlich zu ihnen. Wenn ich mich für eine Sache öffne, öffnet sich diese Sache auch für mich. Sie erschließt sich mir. Dabei ist es wichtig, dass man die Lebenswelt und die Interessen der Kinder beachtet: Tiere und Pflanzen, Musik und viel Bewegung.

Warum ist es wichtig, dass Kinder früh ein gutes Verhältnis zu Zahlen entwickeln?

Die Beschäftigung mit Zahlen und geometrischen Formen trainiert das Gehirn. Sie bereitet dort Netze vor, in die später andere Inhalte abgelegt werden können, die für das Verständnis der Welt wichtig sind. Für viele Erzieherinnen ist das eine Motivation, unsere Seminare zu besuchen: Sie sind überzeugt, dass mathematische Bildung fähig ist, die Gehirnkräfte zu fördern. Dass mathematische Bildung nicht einseitig ist, wenn sie ganzheitlich angeboten wird. Dass das junge Gehirn so flexibel ist wie später nie mehr und man diese Chance auf spielerische Art und Weise nutzen sollte, damit die Kinder ohne jegliche Anstrengung wichtige Grundlagen lernen, auf denen sie später aufbauen können.

Wie kommt es, dass sich so viele Menschen mit der Mathematik schwertun?

Ich finde es immer wieder erstaunlich, wenn ich mich in einer Gesellschaft als Mathematiker zu erkennen gebe. Fast immer sind einige dabei, die sagen, dass sie nie etwas von Mathematik verstanden haben und es in der Schule schrecklich für sie war. Wenn jemand erzählt, dass er Germanistik studiert hat, wird niemand sagen: „Oh Gott, ich kann gar nicht richtig lesen, ich verstehe kein Buch!“ Bei Mathematik gehört es zum guten Ton, so etwas zu sagen. Unsere Gesellschaft ist aus meiner Sicht übermäßig sprachbetont.

In Deutschland zeigt sich das vor allem bei den Mädchen. Internationalen Untersuchungen zufolge ist der Unterschied der Mathematikkenntnisse zwischen Jungen und Mädchen am Ende der Grundschulzeit nirgendwo so groß wie in Deutschland und Österreich. Bei Untersuchungen über alle Ländergrenzen hinweg zeigt sich dagegen keinerlei Unterschied zwischen Mädchen und Jungen. Mädchen haben nicht wegen ihrer Interessen oder Fähigkeiten schlechtere Noten in Mathe. Es liegt an der Erwartungshaltung ihrer Umgebung und an der fantasielosen Art, wie Mathematik häufig vermittelt wird. Weil Mathematik zu wenig anwendungs- und erlebnisorientiert angeboten wird, spricht sie eine Gruppe von Kindern nicht an, darunter viele Mädchen.

Für viele Eltern und Erzieher ist Mathematik ein eher angstbesetztes Thema. Muss ich ein Zahlennarr sein, um Kindern Freude an Zahlen zu vermitteln?

Nein, das müssen Sie nicht. Die Kinder haben ein natürliches Interesse an Zahlen. Das darf man den Kindern nicht verleiden, sondern sollte ihnen helfen, indem man ihnen Spiele anbietet, die sie gut verstehen. Nach wie vor bieten die klassischen Würfelspiele einen wichtigen Zugang zu den Zahlen. Im Kindergarten ermöglicht mein Projekt Zahlenland mathematische Bildung auf ganzheitliche Weise. Auf jeden Fall sollten Eltern und Erzieher darauf achten, dass sie nicht nur mit den Kindern zählen. Dann besteht die Gefahr, dass die Kinder nicht mehr hinschauen. Sie benutzen ihre Augen nicht mehr, um zum Beispiel mit einem Blick drei Dinge zu erkennen.

Sie machen mit den Kindern Übungen, um ihnen die Welt der Zahlen spielerisch zu vermitteln. Können Sie ein paar Beispiele nennen?

Die Entdeckungen im Zahlenland haben wir für Kinder ab vier Jahren entwickelt. Sie umfassen das Zahlenhaus, den Zahlenweg und die Zahlenländer. Im Zahlenhaus hat jede Zahl von eins bis zehn ihre Wohnung und die Kinder richten diese gemeinsam ein. Die drei bekommt zum Beispiel drei schöne Steine, einen Turm, der drei Stockwerke hoch ist und ein Kleeblatt im Garten. Die Kinder spielen auch selbst Zahlen: Ein Kind spielt die Drei und die anderen Kinder reden es als „Drei“ an. Dabei gilt das Prinzip „Sei höflich und freundlich zu den Zahlen“.

Auf dem Zahlenweg gehen die Kinder spazieren. Auf Teppichfliesen sind die Symbole der Zahlen abgebildet. Man legt sie in der richtigen Anordnung aus und läuft dann auf dem Zahlenweg. Ohne Mühe lernt man die Zahlen lesen. Auch das Rechnen interessiert die Vier- bis Sechsjährigen sehr: Wie bekomme ich heraus, was drei mal vier ergibt? Ich muss drei mal vier Felder gehen und schauen, wo ich angekommen bin. Wichtig ist die Wahrnehmung: Ich sehe den Weg, ich erwarte etwas an der nächsten Kurve und bewege mich dabei.

Bei den Zahlenländern gibt es zum Beispiel das Einerland, auf dessen Tor man verschiedene Bilder von Dingen sieht, die ins Einerland gehören: etwa ein Einhorn oder eine Sonne. Um ins Einerland zu kommen, erzählen die Kinder etwas über die Eins: dass es ihre Mama nur einmal gibt, dass sie genau eine Nase haben, oder sie hüpfen oder klatschen einmal. Sie können auch überlegen, wie die Eins spazieren geht: Immer nur einen Schritt auf einmal.

Sie haben das Projekt Zahlenland zusammen mit Ihrer Tochter im Februar 2004 gegründet. Wie hat es sich seither entwickelt?

Ich bin sehr stolz darauf, dass wir ohne Inanspruchnahme staatlicher Mittel in diesen zwölf Jahren über 45.000 Erzieherinnen fortgebildet haben. Auch Österreich, Belgien und Luxemburg sowie Deutsche Schulen im ferneren Ausland wenden die Methoden des Zahlenlands an. Wir haben es geschafft, etwas Neues anzubieten und bekommen viele positive Rückmeldungen. Immer wieder wird gesagt: „Wir sind begeistert und die Kinder auch.“

In Ihrem aktuellen Buch beschäftigen Sie sich mit der Zahlenvermittlung im Grundschulalter. Was kann der Schulunterricht von Ihrer Methode lernen?

Leider erzeugt der Mathematikunterricht bei vielen Angst. Das ist verheerend. Die Schulbücher haben ihren Sinn und sind wichtig, können aber wichtige Dinge nicht vermitteln. Darum haben wir ein Angebot für die Grundschule, das schulbuchunabhängig, gehaltvoll und spielerisch ist und den Kindern und Lehrern Freude macht. Diese Art des Lernens sollte man möglichst lange im Unterricht erhalten und pflegen.

Eine Hilfe ist auch das Rechnen auf dem Zahlenweg, das auf Bewegung gegründet ist. Es schließt andere Zugangsformen nicht aus, bietet aber etwas Dynamisches an und spricht Kinder an, die auf dem klassischen Weg schwach im Rechnen bleiben. Ich bin überzeugt, dass man die Jahre des Mathematikunterrichts für viele Eltern und Kinder angenehmer gestalten kann – ohne die Mühle der Nachhilfe und den Stempel „rechenschwach“.

Interview: Johanna Böttges/die-journalisten.de GmbH

Köln, 20. Februar 2016

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