Die Zahlen warten schon auf mich!

Bevor ich von meinen Förderstunden für Kinder und Jugendliche mit Down-Syndrom berichte, möchte ich aufklären wie es zu dem Titel ‘Die Zahlen warten schon auf mich!’ kam. Ich habe schon viele Kindergruppen und auch einzelne Kinder durch das Zahlenland begleitet. Ein damals sechsjähriger Junge mit Down-Sydrom hatte mit mir Einzelförderstunden in einer Praxis für Sprachtherapie. Mit großer Freude und Ungeduld, dass es endlich los ginge, trafen wir uns jede Woche für eine Stunde. An einem Tag war die Mutter etwas spät dran und wollte mit mir noch etwas besprechen, worauf der Junge sagte:

Die Zahlen warten schon auf mich! Ich will anfangen!

Dies also der Anlass des gewählten Titels. Das kurze Zitat sagte für mich vieles aus:
– Er kommt froh und erwartungsvoll zu den Stunden.
– Die Zahlen haben für ihn einen persönlichen Bezug.
– Die Zahlenland-Stunden werden für ihn als etwas Wichtiges und Wertvolles angesehen.

Wie kam es dazu

Neben meinen Seminaren zu den Projekten von Prof. Preiß habe ich von Anfang an Praxiserfahrung mit vielen Kindergruppen im Zahlen- und später auch im Entenland gesammelt. Meine Projektdurchführungen fanden mit Gruppen von sechs bis dreizehn Kindern in Kindertageseinrichtungen, sowie in einer Praxis für Sprachtherapie statt. Dies wurde publik und so traten auch Eltern von Kindern und Jugendlichen mit Down-Syndrom an mich heran, ob ich ihr Kind auch im Einzelunterricht fördern könne.

Wichtiges vorab

Vor jedem Start gibt es ein Elterngespräch und ein Gespräch mit Eltern und Schüler. Wichtig fand ich, dass insbesondere die ‘Chemie’ zwischen Lehrer und Schüler sofort stimmt. Gemeinsam haben wir besprochen, welche Ziele wir haben und wie die Stunden ungefähr ablaufen werden. Natürlich haben wir auch geschaut, auf welchem mathematischen Stand der Schüler bereits ist.

Wie die Stunden ablaufen

Da ich keine Vorerfahrung in der Arbeit mit Menschen mit Down-Sysdrom hatte, bin ich relativ unbedarft nach den Vorlagen aus dem Leitfaden Zahlenland 1 von Prof. Gerhard Preiß, Verlaufspläne für die Lerneinheiten 1 bis 10 der »Entdeckungen im Zahlenland« gestartet. Dieses erwies sich als erfolgreich. Natürlich bin ich oft langsamer vorgegangen und habe die vorgesehenen Stundenelemente manchmal auf mehrere Stunden verteilt. Da es dadurch recht reibungslos klappte, stiegen wir auch in die Themen aus Zahlenland 2 ein und später bei Jugendlichen auch in die Themen aus Zahlenland 3, der Zauberhaften Geometrie, dem Geldhasen, …u.v.a. (Literaturliste unten)

Didaktische Materialien und Verlauf

Da ich die didaktischen Materialien zu den Konzepten von Prof. Preiß besitze, habe ich diese auch eingesetzt. Bei der Einzelförderung sind Änderungen in der Methodik nötig. Im Konzept ist vorgesehen, dass fünf Kinder als Zahlen in den Wohnungen der Eins bis Fünf im Zahlenhaus einziehen. Es macht natürlich keinen Sinn, mit einem Kind nur eine Wohnung zu nutzen. So habe ich das Zahlenhaus in verkleinerter Version (fünf runde Tischsets) auf dem Boden angeordnet, wie vorgesehen. Zu Beginn haben wir die Tische (mit Punkten für die Zahlen) und Fähnchen (mit Ziffer) in die fünf Wohnungen gestellt. Als sinnvoll erweist sich im Konzept, sofort die Zahlen Eins bis Fünf (eine Hand voll) in Übersicht und Zusammenhang zu betrachten. Beim Start mit dem ersten Jungen kannte er noch nicht alle Punktebilder und alle Ziffern, deshalb erweisen sich die unterschiedlichen Farben die den Zahlen zugeordnet sind als hilfreich. Schon in der ersten Stunde ging er gezielt zur Wohnung der Vier, obwohl er weder Ziffer noch Punktebild erkannte. Nachdem ich fragte ob er sicher sei, dass es die Wohnung der Vier ist, sagte er:

Klar, die ist doch rot!

Auch die Anordnung der Wohnungen ist hilfreich. In einer anderen Woche:

Die Vier wohnt doch immer in der Ecke dort.

So hat sich dann aber über die Zeit auch die Ziffer und das Punktebild eingeprägt.
Man hätte das Zahlenhaus natürlich auch noch kleiner auf einem Tisch aufbauen können. Mir war es aber wichtig, dass Aktivität und Bewegung in den Verlauf kommt. So musste man schon kurze Wege zurücklegen, um z.B. drei Steine für die Drei zu holen. Zu Anfang war es nicht immer so einfach die richtige Anzahl zu bringen, so habe ich Einkaufstaschen bemalt, die zugleich auch Einkaufshilfe für die Anzahl waren. Aus Vorratskörbchen wurden dann Steine, Nüsse, o.ä. für die Zahlen geholt. (Materialtipp: z. Bsp. Beutel-Set auf www.zahlenland-shop.de)
Die weiteren didaktischen Materialien aus dem Zahlenland wurden entsprechend den Stundenentwürfen (wie genannt mit zahlreichen Wiederholungen und langsameren Steigerungen) eingesetzt. Von Woche zu Woche ging das möblieren der Wohnungen und der Aufbau immer zügiger und sicherer. Oft haben wir die ganze Stunde im Zahlenhaus verbracht und haben in der Folgewoche die Übungen auf dem Zahlenweg durchgeführt, sowie die Zahlenländer bereist. Die Geschichten aus dem Zahlenland bildeteten immer einen schönen Abschluss der Stunde.

Mitmachen nicht vergessen

Wichtig bei allen Kindern war bislang, dass ich nicht passiv in eine ‘Lehrerrolle’ verfalle, sondern aktiv mitmache. Dies beginnt beim handlungsbegleitenden Erläutern einer Aufgabe und endet damit, dass die Kinder sich auch immer für mich eine Aufgabe aussuchen dürfen. So wird jede Stunde zu einem erfolgreichen Miteinander!

Ziele erreicht?

Oft höre ich die Frage, ob ich die gesteckten Ziele erreicht habe. Meist muss ich das verneinen. Ich stelle dann aber schnell richtig, dass die Ziele und Erwartungen i.d.R. übertroffen wurden! Gesteckte Ziele der Eltern von Kindern und Jugendlichen mit Down-Syndrom waren (abhängig von der Altersstufe): Grundlagen legen oder festigen, Mathematisches Basiswissen für den Alltag schaffen, Freude und Interesse an Mathematik wecken.

Jede einzelne Stunde hat die Schüler und auch mich weiter gebracht. Wir haben mit Freude dazu gelernt!

Jörg Finke

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Links zur Literatur

 

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